27 Jan 2016

Rest in peace

Eigentlich hätte es ein ganz normaler Arbeitstag sein sollen. Mein erster Coachingkunde kommt um 10.30 Uhr. Als ich den Computer um 10.15 Uhr zuklappen will trifft es mich wie ein Schlag: Meine Kollegin Kathrin Lemke ist am 22. Januar nach langem Krebsleiden in Berlin verstorben.

Nicht, dass ich es nicht gewusst hätte. Obwohl das Wort „Krebs“ nie aus Kathrins Mund kam. Wohl aber in Gesprächen mit Kollegen, mit denen wir beide zusammengespielt haben. Scheiße!!!! Ich kann mich unmöglich auf meine Arbeit konzentrieren. Meine Beraterkollegen von nebenan reden miteinander, ich muss hier raus und meine Trauer mit jemandem teilen, BEVOR mein Kunde kommt. Hektisch und heftig schluckend suche ich ruhelos in der Küche nach Kaffee. Dabei hatte ich heute schon zwei und eigentlich darf ich doch nur einen pro Woche trinken. Inzwischen laufen mir die Tränen die Backen herunter und salzen den endlich gefundenen Kaffee.

Mein Coachee ist eingetroffen. Gutgelaunt betritt er den Hausflur, doch sein Hochgefühl verfliegt, als er mich heulend in der Tür stehen sieht. Schluchzend wechseln wir die Rollen, denn jetzt brauche ICH jemanden, der mich begleitet, nicht umgekehrt. Da meine Trauer sich nun schonungslos Bahn bricht – ich kann kaum mehr reden, geschweige denn schlucken oder atmen – umringen mich nun auch meine anderen beiden männlichen Kollegen. Ich stehe hilflos in der Mitte und versuche diesen drei bedröppelt dreinschauenden Männern zu erklären, wer Kathrin Lemke war. Und sie hören mir zu, sind empathisch präsent und voller Tempotaschentücherangebote.

Rest in peace

Kathrin Lemke war eine großartige Musikerin. Sie war eine Kollegin, mit der ich zusammen zwei meiner wichtigsten Platten, nämlich „Barjazz“ und „50 Sandra Weckert Fans can´t be wrong“ aufgenommen habe. Ihre Stimme war einzigartig, ihre Kompositionen von Witz, Melancholie, Neugier, Verspieltheit und manchmal auch Gnadenlosigkeit geprägt. Gleichzeitig verließ sie nie das Prinzip des Jazz, den Mitmusikern weite Räume für ausufernde Improvisationen zur Verfügung zu stellen.

Wir lernten uns im „Lul“ =  Frauenmusikzentrum „Lärm und Lust“ kennen und wertschätzen. Nächtelang übten wir uns in unseren Proberäumen Finger wie Lippen wund und zogen in den gemeinsamen Pausen über die unserer Ansicht nach total krude Organisation des Zentrums her, erfanden neue Titel für den Verein. Ein Vorschlag Kahtrins war zum Beispiel die Umbenennung in: „UST“, steht für „Umsonst saufen und Telefonieren“. Das gab große Lacher. Später stiegen wir beide aus. Ich, weil mich der Vorschlag einer Frau im Plenum, alle Mitglieder des Vereins sollten in Zukunft nicht mehr „Mitglied“ sondern „Mitklits“ heißen, zutiefst entsetzte; Kathrin, weil sie ihr eigenes Refugium innerhalb der Schwedenstraße im Berliner Wedding gefunden hatte.

Rest in peace

Ansonsten war sie meine schärfste Kritikerin und sah mich auch zweifellos als Konkurrentin an. Das wollte ich nie, konnte es ihr allerdings nie ausreden. Als Kritikerin verlangte sie von mir stets Legitimation. Ich erinnere mich an eine heftige Diskussion bezüglich der Definition eines Akkordes. Ich hatte einen F7 komponiert und der Trompete ein hohes E in die Melodielinie geschrieben. Kathrin regte sich total darüber auf, weil das doch falsch sei! Was es rein theoretisch auch ist. Irgendwann schrie sie mich sogar an: „Dann schreib doch F Major, verdammt! Ist doch ein F Major!“

Ich schrie dann zurück: „Ja! Für den Trompeter! Aber für den Pianisten ist es verdammt noch mal ein F7!!!“ Wir verschwanden beide mit vor Wut rauchenden Köpfen in unseren Proberäumen. Geklärt haben wir diesen Konflikt nie.

Rest in peace

Was uns beide verband waren unsere Helden: Sun Ra als allererstes. Und natürlich all die anderen Jazzer. Mingus und Monk, Rudi Mahall, Eric Dolphy und unsere Kollegen Peer Neumann, Stephan Bleier, John Gürtler, Sabine Zlotos. In dieser Besetzung flogen wir mit unserer gemeinsamen Band „Lo and Behold“ im Auftrag des Goethe Instituts nach Bolivien. Als im Lande Unruhen ausbrachen saßen wir gerade auf der Sonneninsel mitten im Titicacasee fest. Ich war im dritten Monat schwanger und Kathrin witzelte: „Naja, wenn´s ein bisschen länger dauert mit dem Freikommen kriegst du dein Kind halt hier. Ich helfe auch beim Entbinden. Kein Problem!“

Die Männer, die mir heute zuhörten und mir Trost spendeten als ich so traurig war kennen niemanden all der oben genannten. Sie sind Berater, Unternehmer, Menschen aus der Wirtschaft, die nichts mit meiner Jazzvergangenheit zu tun haben. Gleichzeitig wissen sie sehr wohl, wie schwierig es für Frauen ist, sich als Leaderinnen durchzusetzen. Das gilt nicht nur in der Wirtschaft, sondern besonders auch im Jazz.

Kathrin Lemke war nicht nur eine großartige Musikerin und Komponistin, sondern auch eine hervorragende Leaderin. In ihren eigenen Bands, im Studio, im Unterricht. Mensch Kathrin! Eine solche Persönlichkeit zu formen dauert Jahre und hier merke ich, dass ich nicht nur traurig über deinen Tod, sondern auch wütend bin. Wütend auf den Tod, der dich viel zu früh geholt hat. Ich hätte dich gerne noch 40 Jahre lang in Berlin am Arbeiten gewusst. Du warst einfach zu großartig, menschlich wie musikalisch, um so früh abzutreten.

Ich werde dich vermissen. 

Rest in peace!

San Ra

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